Beiträge

13. Dezember

Das Nichts der Wüste ist ein Fest für unsere Sinne

Die Wüste lebt, das sage ich euch. Diese Leere, dieses Schweigen sind bewegter als Volksgedränge auf offenem Markt. (Antoine de Saint-Exupéry)

‘Globetrotter und von Fernweh Getriebene, abenteuerlustige, wissbegierige und eigenwillige Männer und Frauen sprechen über die Faszination und Symbolkraft der Wüste, Rätsel und Magie, Spiritualität, Glück und Angst, über die Sehnsucht nach dem Elementaren, dem Eigentlichen zwischen Himmel und Erde, über Spuren- und Sinnsuche dort, wo die scheinbare Abwesenheit von Leben den Blick auf das Wesentliche herausschält und die Wüste neben unermesslicher Anstrengung ein Fest für die Sinne wird: in klarer Luft riechen, den feien Sand durch die Finger gleiten lassen, spüren, wie die Sonne die Lippen trocknet und leichter Wind durch die Haare streicht, die feine Vielfalt der Farben sehen, die Dünen im Wind singen hören. Die Wüste, das ist ein Ort der Begegnung, von dem sich die einen wegträumen – nach farbenprächtigen Gärten und erquickenden Brunnen – und wohin sich die anderen sehnen: nach Leere und Stille.’ (Angela Kandt)

Aus dem Gang in die Wüste entwickelte sich bald eine Tugend, die Tugend der Wüstenväter und ihre Weisheiten. Die Sprüche der Wüstenväter waren von unerbittlicher Radikalität und von beispielloser Rigorosität. Sie formulierten elementare Weisheiten, die weniger von ihrem unverrückbaren Glauben inspiriert waren als von der Umgebung, in der sie lebten. Ihre einfachen und doch so radikalen Erkenntnisse waren von der Wüste beeinflusst und von dem Leben, das sie darin führten, fernab von jeglichem Luxus und jeglicher Zivilisation. Großen Wert legten die Väter in der Wüste vor allem auf die unbedingte Vereinzelung und die Abgewandtheit von allen Sinnesgenüssen, die sie in der Wüste vorfanden. Sie ergötzten sich jedoch an ihren neuen Sinneseindrücken, denn die Wüste ist ja nicht leer, und unsere Sinne erfahren nicht NICHTS. Es ist nur anders in der Wüste als in der Zivilisation. Was passiert mit unseren Sinnen, wenn wir in die Wüste gehen?

Wir gehen in die Wüste um zu sehen, was sie uns zu bieten hat, uns und unseren arg strapazierten Sinnen. Schönheit für die Augen, Stille für die Ohren, Leere für die Nase, Wärme und Sand für den Tastsinn, Trockenheit für den Mund, den einfachen Geschmack von ein wenig gebackenem Mehl und durststillendem Wasser. Das scheint nicht gerade verführerisch, außer ein bisschen Schönheit von Felsen und Sand hat uns die Wüste letztlich nichts zu bieten außer NICHTS.

‘Lerne, die Stille zu hören: Und das einzige, was du dann noch wahrzunehmen scheinst, ist dein Atem und dein Pulsschlag. Hör ihnen zu und bleib bei dem Sinneseindruck, den du empfindest, indem du nichts hörst.’

Was sehen wir? Wir sehen alles andere als nichts. Alle Wüstenformationen haben eines gemeinsam: Es fehlt jede Bewegung. Meistens fehlen sogar Wolken, die sich über den Himmel bewegen. Die einzige Veränderung, die wir wahrnehmen, ist die Veränderung der Farben im Laufe des Tages, die Veränderung der Schatten, der Wanderung von Sonne und Mond. Sieh hin und genieße, was du siehst, genieße, wie deine Augen endlich zur Ruhe kommen.
Ähnliches gilt für den Geruch: Die Wüste riecht nicht. Sand ist vollkommen geruchlos. Und schließlich umgibt uns in der Wüste die Erde. Nirgends spüren wir die Mutter Erde so direkt und unmittelbar wie in der Wüste. Der Sand und der Staub, auf dem wir sitzen, ist unser Lager am Tag wie bei Nacht. Je länger wir in der Wüste sind, desto näher sind wir der Erde, unserem Element, das uns näher ist als alle anderen Elemente. Geerdete Menschen sind nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie brauchen weniger, um sich komfortabel zu fühlen. Lass dich auf deine Erde ein, du wirst ein gutes Verhältnis zu ihr entwickeln können, du wirst ausgeglichener sein, geerdet, ruhend auf der Erde, deiner Erde.

‘Riechst du die Akazien?’ … Erst jetzt merke ich, dass ich den Duft schon eine ganze Weile in der Nase habe. ‘Entschuldigung’, sagte Sass, ‘ich habe ganz vergessen, dass ihr Europäer stärkere Gerüche gewöhnt seid. Die Wüste ist nicht so verschwenderisch.’ (Lieve Joris)

‘Und schließlich: Schweige! Wenn du die Möglichkeit hast, dir ein paar Tage zu nehmen für dich, wenn du den Mut hast, dich in die Wüste aufzumachen: Tu es einmal allein, du brauchst diese Erfahrung in deinem Leben. Stell dir vor, du wirst älter und hast nicht ein einziges Mal in deinem Leben erfahren, was es bedeutet, einige Tage nur mit dir selbst allein zu sein! Ein großer Verlust! Sei mit dir allein in der Wüste und schweige! Lausche, beobachte, rieche und spüre! Vor allem aber: Halte einfach mal den Mund! Du wirst wie neugeboren aus der Wüste hinausgehen. Das ist der Rat, den uns die Wüstenväter mitgeben.’ (Jürgen Werner)

Wer in der Wüste sitzt und die Herzensruhe pflegt, wird drei Kämpfen entrissen: dem Hören, dem Reden, dem Sehen. Er hat nur noch einen Kampf zu führen:
den mit dem Herzen.’ (Abbas Antonius)


‘Nicht Kulturen begegnen einander, sondern Gesichter, Gerüche, Stimmen’

Da die Wüste keinerlei greifbaren Reichtum bietet, da es in ihr nichts zu sehen, nichts zu hören gibt, drängt sich die Erkenntnis auf, dass der Mensch vor allem aus unsichtbaren Anreizen lebt, denn das innere Leben, weit entfernt davon, einzuschlafen, nimmt an Kräften zu. Der Mensch wird vom Geist geleitet. In der Wüste bin ich das wert, was meine Gottheiten wert sind.
Es gibt keine Ablenkungen, mit denen man sich davon mogeln könnte. Es gibt nur hohen blauen Himmel ohne eine Wolke, der in einer Atmosphäre ohne Luftfeuchtigkeit von Horizont zu Horizont reicht, ohne Übergänge. Es gibt das scharfe Licht, blendende Helligkeit ohne Farben. Es gibt den Sand, der tagsüber leblos ist, nur im Morgen- und Abendlicht Schatten bekommt, Konturen, Volumen und Farben. Es gibt den Wind. In diesen wenigen Parametern entwickelt sich das Schauspiel des Wenigen und Großen. Weil man Zeit hat. (Otl Aicher)

Ein Tropfen bin ich
‘Ein Tropfen im Ozean der Schöpfung, ein Sandkorn in der Wüstenweite und dennoch trage ich das Geheimnis des Wirkens so tief in mir, als dehnte ich mich ins Unendliche. Ich erlote, ertaste, erlebe mir mein Leben. Auf dieser Entdeckungsreise genieße ich Aussichten innerer Landschaft, die mir den Atem nehmen. Manchmal verliere ich meinen Orientierungssinn, fühle mich klein und verirrt wie ein Käfer in hohem Gras, aber genieße auch das und sorge mich nicht auf meinem Weg. Früher oder später zieht es mich unweigerlich dahin, wo die Freude am stärksten pulsiert und mich kunstvoll in ihren Rhythmus einwirkt. Tiefer als die tiefsten Gedanken geht das innere Schweigen. Besser als die besten Erkenntnisse ist die vollkommene Still im Geist. Schöner als die schönsten Bilder ist die nackte Leere des Bewusstseins, das Nichts, die Mittellosigkeit, denn das Leben versteht sich am tiefsten, erkennt sich am besten, erlebt sich am schönsten – unmittelbar.’ (Hans Kruppa)
‘Die Wüste ist eine Denklandschaft, man geht nicht nur zwischen Dünen, man geht auch in seinem eigenen Denken umher, man macht Gedankengänge, im Gehen verändert sich die Landschaft von Bild zu Bild. Es verändert sich auch der Gedankenhorizont. Das Auge zieht es mal hier, mal dort hin, auch die Gedanken wildern umher, man wirft sie hinaus, als Entwürfe. Worte, Gedanken und Bilder sind nur Begleiter bis zu der Tür, hinter der sich ein grenzenloser Raum auftut, in dem das Leben mit sich eins ist und sein ursprüngliches Wesen ungestört genießt.’ (Otl Aicher)

Verlasse ja nie die Wüste, denn die Wüste reinigt die Seele.
Fern von ihr bist du taub und blind. (Mano Dayak)

12. Dezember

Schenk dir einen Wüstentag

‘Von Zeit zu Zeit braucht jeder Mensch ein Stück Wüste.’
(Sven Hedin)

Der Begriff des Wüstentages geht auf den französischen Ordensgründer Charles de Foucauld (1858 – 1916) zurück, auf den die Wüste Sahara Zeit seines Lebens eine magische Anziehungskraft ausübte. Nachdem er als französischer Soldat erstmals nach Nordafrika kam und die Wüste kennen lernte, ließ ihn dieses Land nicht mehr los. So bereiste er als Naturforscher die Wüste. Nach seinem Theologiestudium und Priesterweihe lebte er zurückgezogen unter den Tuaregs in der Sahara. Seine Spiritualität ist stark von der Wüste geprägt. In der Stille sammelte er seine Gedanken, betete und lebte auf seine Weise ein radikales Leben. Jahre nach seinem Tod gründeten Männer und Frauen die religiöse Gemeinschaft der Kleinen Brüder bzw. Der kleinen Schwestern, die seinem Beispiel auch heute noch folgen.
In der Wüste ist man verloren. Wer durch die Wüste geht, muss mit Durst, Trockenheit und Bedrohungen aller Art rechnen. So denken viele, wenn sie das Wort ‘Wüste’ hören. Jene, die der Wüste begegnet sind, berichten allerdings nicht selten von einem tief beglückenden und befreienden Naturerlebnis. Seit altersher ist die Wüste auch ein Ort der Lebenserneuerung. In der (scheinbaren!) Eintönigkeit dieser Landschaftsform kommt der Mensch zur Besinnung und Sammlung. Die Wüste fordert heraus und – sie macht nüchtern. Körper; Seele und Geist erleben eine Art Reinigung. Die Wüste konfrontiert den Menschen mit sich selbst. Wer in die Wüste geht, steht fast unwillkürlich vor der Frage, was dem Leben Bestand gibt. Angefangen bei den Wüstenvätern der ersten christlichen Jahrhunderte bis heute ist die Wüste ein Ort der Spiritualität, der Gottesbegegnung, der das Geheimnis des Lebens ahnen lässt. Wüste meint auch eine Wirklichkeit im Menschen selbst. Es ist ein Bild für das, was mit mir geschieht, wenn ich als Mensch unterwegs bin – zu einem sinnerfüllten Leben. Mensch werden zwischen Wüste und Oase. Ein ‘Wüstentag’ kann dazu verhelfen. Ich könnte mir von Zeit zu Zeit einen Besinnungs-Tag schenken, an dem ich Atem holen kann.

‘Ein einzig Bild der Schönheit ist die Düne. Die Wüste beschenkt, sie verändert dich. Gib dich hin, entsage, leide, kämpfe, durchquere die Wüste voller Durst, weise die Tränen zurück und so werde ich dir zur Entfaltung deiner selbst helfen.’ (Antoine de Saint-Exupery)

Wenn wir nicht von Zeit zu Zeit aus dem Zirkel der täglichen Verpflichtungen austreten, werden wir in unseren Bewegungen – seelisch und körperlich – steif. Der Blick auf unsere Umwelt ist immer der gleiche, das Welt-Bild verfestigt sich. Und mit der Zeit tun wir so, als wüssten wir, wie das mit dem Leben so ist. Ich schenke mir ganz allein einen Tag, an dem es nur darum geht, alltägliche Lebensvollzüge wie Gehen, Atmen, Essen neu zu lernen. Eine Art Leben in Zeitlupe. Um durchlässiger und aufnahmefähiger zu werden. Um besser erkennen und zu verstehen, wer ich bin und in welcher Umwelt ich lebe. Ich möchte den Spielraum meines Handelns und Gestaltens in dieser Welt neu sehen. Mag er auch noch so eingeschränkt sein – Veränderungen haben immer da angefangen, wo einzelne bewusst lebende Menschen die Möglichkeiten ihres Lebens erkannt und ausgeschöpft haben. Solange Menschen aufbrechen, den Weg unter die Füße nehmen und sich so verändern, um menschlicher zu leben, ist Hoffnung berechtigt.

Und so etwa kann dieser ‘Wüstentag’ aussehen (Anleitung von Bruno Dörig & Albin Muff):
Ich wähle einen Tag, an dem ich mich von Terminen und Verpflichtungen frei machen kann. Einen Tag, der ausschließlich dazu dienen soll, den Alltag anzuhalten, zur Ruhe zu kommen und über sich selbst, die eigenen Kraftquellen und über wesentliche Fragen im Leben nachzudenken. Dieser Tag kann eine spirituelle Erfahrung sein, die eng mit Wüste verbunden ist: Alleinsein mit sich selber, Stille aushalten und sich im Leben orientieren. Oft tut es gut, allein zu Fuß in der Natur unterwegs zu sein, auf einer längeren Wanderung sich mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen. Beschränke dich auf einfaches Essen und nehme genügend zu Trinken mit. Verbringe den ganzen Tag im Schweigen und versuche möglichst wenig zu reden. Es soll MEIN Tag werden. Am Vorabend habe ich ein paar Dinge bereitgelegt: zum Essen etwas Brot, Käse, Äpfel; Bleistift und Papier; gutes Schuhwerk und Regenschutz. Am Morgen breche ich auf, ganz gleich, wie das Wetter ist. Ich verlasse meinen Wohnort und gehe über Land. Ohne festes Ziel, das ich erreichen muss. Ich habe nicht vor, eine Wanderung zu unternehmen um mich körperlich zu ertüchtigen. Es wird ein Tag werden, den ich wie in der Zeitlupe lebe. Ich gehe und freue mich, dass ich gehen darf. Ich atme und atme auf und atme tief durch. Es wird nichts Außergewöhnliches geschehen, ich besuche keine Sehenswürdigkeiten, aber ich bin dankbar, dass ich Augen habe, die sehen können und Hände und Füße, die tasten und fühlen. Die einfachen Dinge des Lebens. Das, was mich zum Menschen macht, soll heute ins Bewusstsein kommen: der aufrechte Gang, das Nachdenken und Mitfühlen, die Gelassenheit, das Lächeln und Verweilen. Ob ich das nötige Maß Langsamkeit aufbringe? Ich will es versuchen. Für ein paar Stunden bin ich weg von Menschen, bin bei mir selbst zu Gast um wieder ein ganzer Mit-Mensch zu sein.

11. Dezember

Oasen des Alltags pflegen

Im Grün der Oase bekennt die Wüste Farbe: Es gibt immer Grund zur Hoffnung – wider alle Hoffnung. Oasen sind die grünen Augen der Wüste. Keine Rose ohne Dornen, keine Oase ohne Wüste. (Beduinenweisheit)

‘Oasen! Schwimmende Inseln in der Wüste. Die grünen Palmen erzählen von Quellen, die ihre Wurzeln tränkten; manchmal flossen die Quellen reichlich und Oleanderbüsche neigten sich über die Wasser. – Groß der Zauber ihrer Blumen. – Oasen! Viel schöner noch war die zweite, und reicher an Blumen und an Rauschen. Dichtere Bäume neigten sich über tiefere Wasser. – Wir badeten. – Dann mussten wir auch sie wieder verlassen. Oasen! Was soll ich erst von der dritten sagen? Sie war noch schöner, und dort erwarteten wir den Abend. Am nächsten Morgen liebte ich nur noch die Wüste. ‘

Durch eine Oase ging ein finsterer Mann, namens Ben Sadok. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rand der Oase stand ein junger Palmbaum im besten Wachstum. Der stach dem finsteren Araber in die Augen. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem bösen Lachen ging er nach dieser Heldentat weiter. Die junge Palme schüttelte sich und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln, vergebens. Zu fest saß der Stein in ihrer Krone. Da krallte sich der junge Baum tiefer in den Boden und stemmte sich gegen die Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verborgene Wasserader der Oase erreichten, und stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausragte. Wasser aus der Tiefe und Sonnenglut aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum. Nach Jahren kam Ben Sadok wieder um sich an dem Krüppelbaum zu freuen, den er verdorben hatte. Er suchte vergebens. Da senkte die stolzeste Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: ‘Ben Sadok, ich muss dir danken, deine Last hat mich stark gemacht.’ (Franz Gypkens)

10. Dezember

Vertraue auf die unsichtbaren Lebensquellen

Vertrauen ist eine Oase im Herzen, die von der Karawane des Denkens nie erreicht werden kann. (Khalil Gibran)

‘Ein moderner Mensch verirrte sich in die Wüste. Die unbarmherzige Sonne hatte ihn ausgedörrt. Da sah er in einiger Entfernung eine Oase. Eine Fata Morgana, dachte er, die mich narrt. Er näherte sich der Oase, aber sie verschwand nicht. Schon sah er Dattelpalmen. Eine Hungerphantasie, dachte er. Kurze Zeit später fanden ihn zwei Beduinen – tot. ‘Kannst du das verstehen’? Fragte der eine. ‘Die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund; dicht an der Quelle liegt er verhungert und verdurstet. Wie ist das möglich?’ ‘Er war ein moderner Mensch. Er hat nicht daran geglaubt.’

Wer in der Wüste den Mut verliert, kommt nicht weiter und stirbt. Wer glauben kann an die Oase, ist nicht verloren. (Phil Bosmans)

Die Wüste lebt. Das wissen alle, die sich einmal Sand, Hitze, Fels und Einöde ausgesetzt haben. In diesem unendlich weiten Raum von bizarrer Schönheit keimt Leben – entgegen allem äußeren Anschein. Wüste gibt es auch in unserem Leben: spirituelle Dürre, ungeordnete Strukturen, enttäuschte Hoffnungen. Der Naturraum Wüste und die innere Wüste haben vieles gemein. Dort, wo das Leben zu Ende scheint, kann es neu beginnen – mit einer neuen Dimension. Wüste muss nicht Ort der Verzweiflung sein, Wüste ist vielmehr Chance: Antrieb zum Weiterleben, Drang, den Weg fortzusetzen, Sehnsucht, das Ziel zu erreichen. Auch die Wüste in uns kann leben; es müssen nur die Leben spendenden Wasserschichten erreicht werden. Nirgends wird der Blick für den grünen Zweig am Wegesrand so geschärft wie in der Wüste. Die Wüste lehrt uns das Leben neu. Wüstenerfahrungen sind für uns alle notwendig um tiefer zum Kern des Lebens vorzustoßen. Stellen wir uns der Wüste. Trauen wir uns, wahrzunehmen, was sich unter der Oberfläche des Alltags verbirgt. Klären wir, was wichtig ist, und suchen wir aus der Klarheit des Herzens nach Schritten zu erfülltem Leben.

‘Nun ist die Sahara in uns und zeigt sich so. Ihr Nahekommen, das bedeutet nicht, eine Oase besuchen. Es bedeutet, an einen Brunnen tief und inbrünstig zu glauben.’

‘Die Wüste ist schön’, sagte der kleine Prinz. Stille. Und das war wahr. Ich habe die Wüste immer geliebt. Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der Stille. ‘Es macht die Wüste schön’, sagte der kleine Prinz, ‘dass sie irgendwo einen Brunnen birgt.’ Ich war überrascht, dieses geheimnisvolle Strahlen des Sandes plötzlich zu verstehen. Als ich ein kleiner Knabe war, wohnte ich in einem alten Haus, und die Sage erzählte, dass darin ein Schatz versteckt sei. Gewiss, es hat ihn nie jemand zu entdecken vermocht, vielleicht hat auch nie jemand gesucht. Aber er verzauberte dieses ganze Haus. Mein Haus barg ein Geheimnis auf dem Grunde seines Herzens .. ‘Ja,’ sagte ich zum kleinen Prinzen, ‘ob es sich um das Haus, um die Sterne oder um die Wüste handelt, was ihre Schätze ausmacht, ist unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.’ (Antoine de Saint-Exupéry)

‘Wir mögen die Welt durchreisen, um das Schöne zu finden,
aber wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.’
(Ralph Waldo Emerson)

Der Meister sagt: ‘Viele Menschen haben Angst vorm Glücklichsein. Denn um glücklich zu sein, müssten wir viel an uns und unseren Gewohnheiten aufgeben oder ändern. Häufig sträuben wir uns gegen die guten Dinge, die uns widerfahren, halten uns ihrer für unwürdig. Wir nehmen sie nicht an, weil wir fürchten, damit in Gottes Schuld zu stehen. Wir denken: ‘Es ist besser, nicht vom Kelch der Freude zu trinken, weil wir leiden werden, wenn wir ihn einmal nicht mehr haben.’ Aus Angst, an Größe zu verlieren, wachsen wir nicht. Aus Angst davor zu weinen, hören wir auf zu lachen. (Paulo Coelho)

9. Dezember

Vernehme die zeitlose Poesie des Sandes

‚So gibt es in manchen Zeiten des Lebens Augenblicke, in denen nichts Außergewöhnliches geschieht, die man aber wegen ihrer unsäglichen Sanftheit nie vergisst. Ja, ich liebe die Sahara! Ich liebe sie mit einer dunklen, geheimnisvollen, tiefen, unerklärlichen, aber durchaus wirklichen und unzerstörbaren Liebe.‘ (Isabelle Eberhardt)

‘Sand-Wüste, Ächtung des Lebens, nichts atmet mehr als der Wind. Samtener Sand im Schatten, schillernd am Abend und am Morgen mattgrau wie Asche. Es gibt ganz weiße Täler zwischen den Dünen; wir durchschritten sie auf Maultieren; der Sand schloss sich wieder über unseren Spuren. – So müde war man, dass man vor jeder Düne meinte, nie käme man hinüber. Ich habe dich mit Inbrunst geliebt, Sandwüste. O wenn dein kleinstes Stäubchen an seinem Ort vom Weltall mir erzählen könnte!- Wo kommst du her, Stäubchen? Aus welchem längst vergangenen Leben entstandest du? Von welcher Liebe gibst du mir Kunde? – Staub will gepriesen sein. Meine Seele, was hast du auf dem Sande gesehen?’ (André Gide)
Wir lernen beim Gehen nicht in großen Dimensionen zu denken, sondern im einzelnen Schritt. Dem Schritt, der dem folgenden vorausgeht und dem gegangenen nachfolgt. Das ist unser Universum, der einzelne Schritt, wie viel tausend Mal wir ihn auch gehen an diesem Tag. Das könnte ein Sinnspruch sein, das wir auf unsere Reise mit nehmen, damit wir der Gleichförmigkeit des Gehens besser gewachsen sind. Betrachte jeden Schritt wie ein kostbares Juwel, einzigartig und doch wertlos ohne die Gesamtheit der Schritte, die ihn umgeben und dich schließlich an dein Ziel bringen. Denn so wenig ein einzelnes Sandkorn eine Wüste ist, so sehr ist es doch ein unverzichtbarer Teil des ganzen. So macht der Schritt das Gehen aus. Wie das Sandkorn die Wüste.

Was für das Wandern in der Wüste gilt, gilt auch für unseren Alltag: Gehen durch den Sand, mit wachen Sinnen, immer darauf bedacht, das richtige Schritttempo zu finden, und uns an die Erfordernisse der Umwelt anzupassen. Wenn wir lernen, flexibel zu sein, und das richtige Tempo für die jeweilige Lebenssituation finden, wenn wir lernen, uns so schnell oder langsam zu bewegen, wie es gerade nötig ist, dann haben wir die Chance, dem Diktat der Zeit zu entfliehen. Zu lernen, unser Lebenstempo selbst zu gestalten und sensibel zu werden für den Takt des Lebens, ist ein wirkungsvolles Mittel gegen Stress und Unzufriedenheit. Vielleicht gelingt es uns zu begreifen, wie unsinnig unsere Konzepte von Zeit oft sind, und vielleicht können wir etwas von der Klugheit gewinnen, die auch Saint-Exupérys kleiner Prinz in der gleichnamigen Geschichte besitzt:
‘Guten Tag’, sagte der kleine Prinz. ‘Guten Tag’, sagte der Händler. Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr zu trinken. ‘Warum verkaufst du das?, sagte der Prinz. ‘Das ist eine große Zeitersparnis .. Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.’ ‘Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?’ ‘Man macht damit, was man will.’ ‘Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte,’, sagte der kleine Prinz, ‘würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen …’.

Zeit sparen, die Zeit effektiv nutzen, optimales Zeitmanagement, Zeitmangel, Zeitdruck: Dies sind die Erfahrungen und Kategorien, mit denen wir in unserem Alltag mit dem Phänomen Zeit gewöhnlich konfrontiert werden. Ob wir wollen oder nicht, wir sind dazu gezwungen, Zeit zu zerstückeln, sie zu bewerten und zu ordnen. So gibt es für uns ‘wichtige’ und ‘unwichtige’ Zeit, ‘Arbeitszeit’ und Freizeit, ‘zeitlichen Leerlauf’ und ‘stressige Zeit’. Wir sind darauf fixiert, Zeit als ein beschränktes Gut zu erleben. Deshalb setzen wir alles daran, uns unsere Zeit ‘richtig’ einzuteilen. Aber egal, wie geschickt wir unseren Tag auch ‘verplanen’, am Ende haben wir doch das Gefühl, dass uns die Zeit nicht reicht für all das, was wir uns vorgenommen haben. Die Zeit läuft uns davon, und je schneller wir ihr hinterher hecheln, umso weiter sind wir davon entfernt, Zeit zu finden für Dinge, die wir so gerne tun würden. Sind wir in der Wüste, fallen wir aus unserer Zeit. Was normalerweise unser Leben diktiert, verliert in der Wildnis der Wüste jede Bedeutung. In der Wüste herrscht eine andere Zeit. Wann wir etwas tun und was wir tun, wird ausschließlich von der Natur und den Fähigkeiten und Bedürfnissen unseres Körpers bestimmt. Die Wüste setzt uns Grenzen. Die Gegebenheiten der Natur bestimmen den Rhythmus des Tages, die Kraft unseres Körpers und die Beschaffenheit des Weges bestimmen den Rhythmus unserer Schritte. Wir fallen heraus aus unserer Zeit, denn die Wüste ist ein Raum, in dem eine andere als die uns vertraute Zeit herrscht. So erleben wir Zeit nicht mehr als Mangel, sondern als Raum: Zeitraum des Gehens, Zeitraum des Ruhens. Der Raum der Wildnis schriebt uns unser Verhalten vor und schenkt uns Zeit. Wir fallen aus unserer Zeit hinein in eine andere, eine Wüstenzeit, die sich uns zum Geschenk macht. Die Wüste entschleunigt uns. Das Gehen hilft uns dabei, denn es führt uns zurück zu einem sehr ursprünglichen Erleben von Zeit: Das Zeitgefühl des Menschen ist immer an die Zeitdimension seines Körpers und der Körperwahrnehmungen gebunden. Die entscheidende Zeiteinheit dabei ist der Pulsschlag. Schritt für Schritt, so dass sich unser gehen in Übereinstimmung mit den Gegebenheiten der Landschaft befindet, so schlägt unser Herz im Einklang mit dem, was wir gerade tun. Die Wüste kann uns zeigen, dass Zeit eine sehr subjektive Konstruktion ist und wir selbst es in der Hand haben, wie wir sie erfahren. Wie wir selbst Zeit erleben, hängt davon ab, wie wir uns selbst und der Welt begegnen.

An meinem Pulsschlag will ich festhalten gegen die Rhythmen der anderen.

8. Dezember

Fata Morgana: Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum

Ist das, was Du meinst zu sehen, wirklich das, was Du siehst? Ist das, was Du siehst, wirklich das, was Du meinst zu sehen? Siehst Du die Dinge so, wie Du sie sehen willst? Oder wollen die Dinge so gesehen werden, wie Du sie siehst? Sehen wir die selben Dinge? – Wandle voller Zuversicht in die Richtung deiner Träume. (Henry David Thoreau)

‘Die Reise, die zuvor eine Qual gewesen ist, weil du nur ankommen wolltest, beginnt sich nun in eine Freude zu verwandeln, in die Freude an der Suche und am Abenteuer. Damit nährst du etwas sehr wichtiges, nämlich deine Träume. Ein Mensch darf nie aufhören zu träumen. Der Traum ist für die Seele, was Nahrung für den Körper bedeutet. Wir müssen häufig in unserem Leben erfahren, wie unsere Träume zerstört und unsere Wünsche nicht erfüllt werden, dennoch dürfen wir nie aufhören zu träumen, sonst stirbt unsere Seele, und die Agape kann nicht in sie eindringen. Der gute Kampf ist der, den wir kämpfen, weil unser Herz es so will. Der gute Kampf findet im Inneren des Menschen statt.
Der gute Kampf ist der, den wir im Namen unserer Träume führen. Wenn sie mit aller Macht in unserer Jugend aufflammen, haben wir zwar viel Mut, doch wir haben noch nicht zu kämpfen gelehrt. Wenn wir aber unter vielen Mühen zu kämpfen gelernt haben, hat uns der Kampfesmut verlassen. Deshalb wenden wir uns gegen uns selber und werden zu unseren schlimmsten Feinden. Wir sagen, dass unsere Träume Kindereien, zu schwierig zu verwirklichen seinen oder nur daher rührten, dass wir von den Realitäten des Lebens keine Ahnung hätten. Wir töten unsere Träume, weil wir Angst davor haben, den guten Kampf aufzunehmen.

Das erste Symptom dafür, dass wir unsere Träume töten, ist, dass wir nie Zeit haben. Die meistbeschäftigten Menschen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, waren zugleich auch die, die immer für alles Zeit hatten. Diejenigen, die nichts taten, waren immer müde, bemerkten nicht, wie wenig sie schafften, und beklagten sich ständig darüber, dass der Tag zu kurz sei. In Wahrheit hatten sie Angst davor, den guten Kampf zu kämpfen.

Das zweite Symptom dafür, dass unsere Träume tot sind, sind unsere Gewissheiten. Weil wir das Leben nicht als ein großes Abenteuer sehen, das es zu leben gilt, glauben wir am Ende, dass wir uns in dem wenigen, was wir vom Leben erbeten haben, weise, gerecht und korrekt verhalten. Wir lugen nur über die Mauern unseres Alltags und hören das Geräusch der zerbrechenden Lanzen, riechen den Geruch von Schweiß und Pulver, sehen, wie die Krieger stürzen, blicken in ihre eroberungshungrigen Augen. Doch die Freude, die unendliche Freude im Herzen dessen, der diesen Kampf kämpft, weil für ihn weder Sieg noch die Niederlage zählt, nur der Kampf an sich, die bleibt uns fremd.

Das dritte Symptom für den Tod unserer Träume ist schließlich der Friede. Das Leben wird zu einem einzigen Sonntagnachmittag, verlangt nichts Großes von uns, will nie mehr von uns, als wir zu geben bereit sind. Wir halten uns dann für reif, glauben, dass wir unsere kindischen Phantasien überwunden und die Erfüllung auf persönlicher und beruflicher Ebene erlangt haben. Wir reagieren überrascht, wenn jemand in unserem Alter sagt, dass er noch dies oder das vom Leben erwartet. Aber in Wahrheit, ganz tief im Inneren unseres Herzens, wissen wir, dass wir es in Wirklichkeit nur aufgegeben haben, um unsere Träume zu kämpfen, den guten Kampf zu führen.

Wenn wir auf unsere Träume verzichten und den Frieden finden, erleben wir eine kurze Zeit der Ruhe. Doch die toten Träume beginnen in uns zu verwesen, und sie verseuchen, was uns umgibt. Wir beginnen grausam zu den Menschen um uns herum zu werden, und am Ende richten wir diese Grausamkeit gegen uns selber. Dann tauchen Krankheiten und Psychosen auf. Was wir im Kampf vermeiden wollten – die Enttäuschung und die Niederlage -, wird zum einzigen Vermächtnis unserer Feigheit. Und eines schönen Tages haben die toten und verwesten Träume die Luft so verpestet, dass wir nicht mehr atmen können und nur noch den Tod ersehnen, den Tod, der uns von unseren Gewissheiten, unseren Sorgen und von diesem fürchterlichen Sonntag-nachmittags-Frieden erlöst.’ (Paulo Coelho)

‘Ich habe einen Traum gepflanzt im Garten meiner Lebenslust,
einen Traum aus Liebe, Phantasie und Zärtlichkeit.
Ich habe ihn besonnt mit Hoffnung und ihn begossen
mit meiner Sehnsucht nach dem Paradies vor dem Tod.
Die Saat ist aufgegangen, bunt und zart keimen die Blätter
wie Schmetterlingsflügel in meinem Gefühl.
Der Traum wird wachsen, und ich mit ihm.
Ich werde ihm ein guter Gärtner sein, ihm geben, was er braucht – mit liebevoller Hand.
Der Traum wird blühen in allen Farben der Phantasie, und sein Duft, einmal tief eingeatmet, verwandelt im Nu Zweifel in Vertrauen, Angst in Schönheit, Unbehagen in Gelächter.
Wer schläft unter dem blühenden Traum, erwacht als ein Wesen aus einem ungeschriebenen Märchen, mit tausendundeinem freien Wunsch, doch wunschlos glücklich.?
Der Traum wird Früchte tragen, deren Genuss berauscht und das Paradies auf Erden öffnet.
Ich habe einen Traum gepflanzt, den ich schon lange träumte in den sonnigen Mußestunden der Seele, wenn die Wolken verschwinden und das Herz einen Moment fassungslos
stillsteht vor der grenzenlosen Weite seines eigenen Himmels.’
(Hans Kruppa)

7. Dezember

Orientierung auf dem Weg durch Sand und Stein

Drei Weisheiten für (Wüsten-)Wanderer von Paulo Coelho

  • Der erste Schritt auf dem spirituellen Weg

Ein Mann beschloss, einen Eremiten aufzusuchen. Nachdem er lange durch die Wüste gewandert war, traf er schließlich auf den Mönch. ‘Ich will wissen, welches der erste Schritt ins spirituelle Leben sein muss’, sagte er. Der Eremit führte ihn an einen kleinen Brunnen und bat ihn, sein Spiegelbild im Wasser zu betrachten. Der Mann gehorchte, doch der Eremit warf kleine Steine ins Wasser, worauf sich die Wasseroberfläche bewegte. ‘Ich kann mein Gesicht nicht deutlich sehen, wenn Ihr Steine ins Wasser werft.’ sagte der Mann. ‘Ebenso wenig wie es einem Menschen möglich ist, sein Gesicht im aufgewühlten Wasser zu sehen, kann er Gott suchen, wenn sein Geist einzig und allein auf die Suche fixiert ist,’ sagte der Mönch. ‘Dies ist der erste Schritt.’

  • Unbeirrt seinen Weg gehen

Der Meister sagt: ‘Wenn du den Weg deiner Träume gehst, gib dich ihm ganz hin. Lass mit der Entschuldigung ‘Das ist doch nicht ganz das, was ich wollte’ keine Hintertür offen. In diesem Satz liegt der Keim für eine Niederlage. Geh deinen Weg. Auch wenn das manchmal heißt, Schritte ins Ungewisse zu tun, auch wenn du weißt, dass es besser machen könntest. Wenn du deine Möglichkeiten in der Gegenwart ausschöpfst, wirst du in Zukunft sicher besser werden. Doch wenn du deine eigenen Grenzen leugnest, wirst du sie nie überwinden. Stelle dich mutig deinem Weg, fürchte dich nicht vor der Kritik der anderen. Und vor allem, lass dich nicht durch Selbstkritik lähmen. Stärke deine schlaflose Seele mit Selbstvertrauen.

  • Das Tor durch die Unmöglichkeit

‘Wenn du dich auf deinen Weg machst, wirst du an eine Tür kommen, an der ein Satz geschrieben seht’, sagt der Meister. ‘Komm zu mir zurück und sage mir, wie dieser Satz lautet.’ Eifrig machte sich der Schüler auf die Reise. Eines Tages sieht er eine Tür und kehrt zum Meister zurück. ‘Am Anfang des Weges stand geschrieben: Es ist unmöglich’, berichtet er. ‘Wo stand das?’ fragte der Meister. ‘An einer Wand oder an einer Tür?’ ‘An einer Tür’, antwortet der Schüler. ‘Nun, dann packe die Türklinke und öffne die Tür.’ Der Schüler gehorcht. Da der Satz an der Tür steht, bewegt er sich mit ihr. Als die Tür ganz offen ist, kann er den Satz nicht mehr sehen – uns setzt seinen Weg fort.

‘Heiße dürre Welt der Wunder: Die Wüste fasziniert mit überirdisch anmutender Schönheit, grenzenloser Landschaft und erhabener Stille. Und sie erschreckt mit unbarmherzigen Lebensbedingungen, in denen kleine Fehler den Tod bedeuten.’

6. Dezember

Weggefährten: Die Karawane meines Lebens

‘Ich breite meine Seele aus, wie ein Araber seinen Teppich, und bete still zu Sonne um deine Liebe. Sähest du mich knien im weißen Burnus meiner Zärtlichkeit, du würdest nicht vorüberziehen, weit am Horizont, mit deiner Karawane.’

‘Die Wüste bestand bald aus Sand und bald aus Stein. Wenn die Karawane auf einen Felsbrocken stieß, dann umging sie ihn weitläufig. Wenn der Sand zu weich für Kamelhufe war, dann suchte sie einen Umweg, wo der Sand widerstandsfähiger war. Manchmal war der Boden, wo einst ein See existiert haben musste, mit Salz überzogen. Dann streikten die Tiere und die Kameltreiber stiegen ab und entluden sie. Dann packten sie sich die Lasten auf die eigenen Schultern, überquerten das schwierige Gelände und beluden die Tiere aufs Neue. Nie aber verlor die Karawane ihr Ziel aus den Augen, wie viele Umwege sie auch machen mussten. Sowie alle Hindernisse überwunden waren, stand wieder der Stern vor ihnen am Himmel und wies ihnen die Richtung, in der sich die Oase befand. Wenn die Leute gegen Morgen den leuchtenden Stern am Firmament sahen, wussten sie, dass er einen Ort mit Frauen, Wasser, Datteln und Palmen zeigte. Der Jüngling betrachtete schweigend den Mond und den weißen Sand. Endlich sage er: ‘Ich habe die Karawane auf ihrem Marsch durch die Wüste beobachtet. Sie und die Wüste sprechen dieselbe Sprache, und darum darf sie diese auch durchqueren. Die Karawane überlegt sich jeden Schritt, um auch ja mit der Wüste im Einklang zu sein, und wenn sie es ist, dann wird sie auch die Oase erreichen. Wenn einer von uns hierher käme, mit sehr viel Mut, jedoch ohne diese Sprache zu beherrschen, dann würde er schon am ersten Tag sterben.’ Beide betrachteten sie gemeinsam den Mond. ‘Das ist die Magie der Zeichen’, fuhr der Jüngling fort. ‘Ich konnte beobachten, wie die Führer die Zeichen der Wüste erkennen und wie die Seele der Karawane sich mit der Seele der Wüste verständigt.’

Ich muss unterwegs sein. Bewegung ist der Herzschlag der Karawane. Und ich weiß: Ich gehe meinen Weg durch die Wüste nicht alleine!’

Auch wenn keiner an meiner Seite geht, keiner mir im Schein des Feuers zuhört, so gibt es doch Menschen, die mit mir gehen, deren Spuren ich folge, deren Erfahrungen ich mit mir trage im geistigen Reisegepäck. Es sind die Menschen, die das Gleiche getan haben, was auch ich tue, die von derselben Sehnsucht, denselben Hoffnungen und Träumen getrieben wurden. Sie sind meine Weggefährten, die mich begleiten, deren Gedanken mich inspirieren, es ihnen auf die eine oder andere Weise gleichzutun. Sie sind meine Vorgänger, die meinen Weg vor mir beschritten haben. Ich gehe meinen Weg nicht alleine. Magisch zieht die Wüste Menschen an – und das bis auf den heutigen Tag. Durch fremde und wilde Landschaften zu wandern hat eine lange Tradition. Dem Geist der Freiheit und der Selbstfindung, der aus den Büchern vieler Wüstenreisender spricht, fühle ich mich verpflichtet. Sie sind meine Weggefährten, denn sie haben mich ‘in die Wüste geschickt’: voller Neugier und Mut, voller Lust, Fremdes zu entdecken, und voller Bereitschaft, sich von diesem Fremden berühren und auch verändern zu lassen.’ (Jürgen Werner)

‘Jedes Erlebnis mit der Wüste wird uns zeigen, wie wesentlich für uns der andere Mensch ist, der Begleiter, der uns hilft zu überleben. Denn erst in der Wüste erkennt man einen guten Weggefährten.’ (Arabische Weisheit)

Ein anderer wichtiger Wegbegleiter in der Wüste ist das Kamel. In der Beschreibung seiner Spezies wird ihm oft Unrecht getan. Denn ohne das Kamel, das Dank seiner hervorragenden Anpassung an den Lebensort Wüste endlose Strecken durch Sand und Stein zurücklegen kann, gäbe es keine Karawanenstraßen, keinen Handel und keinen kulturellen Austausch. Die Tiere sind wie geschaffen für das extreme Klima. Ihre Bedeutung würdigend wird den Kamelen im Orient nachgesagt, sie wüssten den hundersten Namen Gottes:
‘Auf den Fluren von Bethlehem weidete das Schaf Gimel. Während es den anderen Schafen genügte, Gras und würzige Kräuter zum Fressen zu finden, sehnte sich Gimel danach den Geheimnissen des Lebens auf die Spur zu kommen. So erfuhr Gimel, dass Gott am Anfang Himmel und Erde erschaffen hatte. Gerade hier in Bethlehem wussten alle Geschöpfe viel von Gott zu erzählen. Die einen nannten ihn König, andere Herr, viele auch Vater und Mutter oder Hirt. Manchmal erklangen auch fremde Namen wie Adonai und Elohim. Gimel lernte mit der Zeit immer mehr Namen Gottes kennen, bis es 99 waren. Einen hundersten Namen konnte ihm aber niemand sagen. Da wurde Gimel ganz traurig, denn er hätte gern hundert Namen von Gott gekannt. Eines Tages begegnete ihm der Esel Bileam. Als Gimel ihn nach dem hundersten Namen Gottes fragte, antwortete der Esel: ‘Wenn du den hundersten Namen Gottes erfahren willst, musst du in die Wüste gehen. In einer Oase wohnt das weise Kamel Sulamith. Das kennt den hundersten Namen Gottes.’ Sogleich machte sich Gimel auf den Weg. Doch der Weg in die Wüste war beschwerlich. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel und es gab keinen Baum, der ihm Schatten spendete. An einen Brunnen mit frischem Wasser war überhaupt nicht zu denken. Und nirgends war auch nur ein Grashalm zu entdecken. Überall waren nur Sand und Steine. Schon wollte Gimel umkehren, als er in der Ferne einige Palmen entdeckte. Und als er näher kam, hörte er auch eine Quelle rauschen. Gimel war überglücklich, als ihn plötzlich ein großes Kamel ansprach. Es war die weise Sulamith. Sie sagte mit freundlicher Stimme: ‘Ich weiß, warum du gekommen bist. Du möchtest den hundersten Namen Gottes erfahren. Ich will ihn dir verraten.’ Und Sulamith kniete langsam nieder, machte sich ganz klein und flüsterte Gimel den hundersten Namen Gottes ins Ohr. Da ging ein Leuchten über sein Gesicht, seine Sehnsucht hatte sich erfüllt. Glücklich und zufrieden kehrte Gimel zu seinen Schwestern und Brüdern auf den Fluren von Bethlehem zurück. Und wenn auch du den 100. Namen Gottes erfahren möchtest, mache dich auf den Weg, geh in die Wüste und irgendwo wirst du in einer Oase Sulamith treffen, die dir den hundersten Namen Gottes ins Ohr flüstert.’

5. Dezember

Lass dich in die Wüste entführen

Für den, der den köstlichen Reiz der einsamen Freiheit kennt,
ist der Aufbruch der mutigste und schönste Akt der Welt.
(Isabelle Eberhardt)

Phantasiereisen sind ‘Reisen nach innen’ – und damit außergewöhnliche Erlebnisse. Phantasiereisen sind Texte zum Vorlesen bzw. Anhören, die Entspannung, positive Gedanken und Gefühle vermitteln. Außerdem fördern sie Phantasie und Kreativität und helfen dabei, Stress abzubauen und das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Wir alle waren sicherlich im Verlaufe unseres Lebens schon einmal an Orten oder in Situationen, in denen wir uns besonders wohl und ausgeglichen gefühlt haben (am Strand, auf einem Waldspaziergang, auf einem Berg etc.). Die gesprochene Anleitung soll den Entspannenden in eben diese Situationen und die damit verbundenen Bilder zurückführen. Denkbar ist jedoch auch, dass völlig neue Situationen erdacht werden. Man bedient sich quasi einer Art „Kopfkino“.

‘Ich brauche dir nur eine einzige Durchquerung der Wüste aufzuerlegen, damit der Mensch in dir zum Vorschein kommt – wie ein Samenkorn, das aus seiner Hülse bricht – und damit sich der Geist und das Herz entfalten kann.’ (Antoine de Saint-Exupéry)

Man sollte versuchen sich vor der Übung ein möglichst lärmfreies Umfeld zu verschaffen. Schalte das Telefon ab, schließe das Fenster und schaue in deinen Terminkalender, ob genug freie Zeit bleibt. Mache es dir an diesem störungsfreien Ort bequem. Du musst bei der Durchführung der Übung keinesfalls liegen, es hat sich jedoch gezeigt, dass eine liegende Position meist als angenehmer empfunden wird. Für die Entspannung im Sitzen genügt ein ganz normaler, ausreichend bequemer Stuhl völlig. Da das Ziel der Übung Entspannung ist, solltest du dich für die Dauer der Übung aller überflüssigen Dinge entledigen, die eine Entspannung stören könnten. Wichtig ist weiterhin ein Umfeld, in dem eine für dich angenehme Temperatur vorherrscht. Manche Menschen brauchen ein nahezu wüstenähnliches Klima, wohingegen andere eine sehr kühle Umgebung brauchen, um Ruhe zu finden. Häufig stellt sich auch die Frage, ob die Übung mit geschlossenen oder offenen Augen durchgeführt werden soll. Denkbar ist hier prinzipiell beides. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass das “bildhafte Vorstellen” (Imagination), bei geschlossenen Augen leichter scheint. Versuche Farben zu sehen und nach und nach alle Sinne in die Vorstellung mit einzubeziehen. Entdecke die Geräusche, die du dort hören kannst, nehme die Gerüche wahr, fühle die Umwelt. Schaffe dir in der Phantasie einen Ort, den du immer wieder aufsuchen kannst. Wichtig dabei ist, dass dein Bild möglichst konkret und plastisch ist. Wenn du deine Phantasiereise beenden willst und in den Alltag zurückkehren, tue das behutsam.
Atme tief durch, schließe die Augen und entspanne dich. Die Phantasiereise kann beginnen!

Fantasiereise ‘Wüstenwanderung’
Du liegst mit geschlossenen Augen im Sand auf einer Decke vor einer orientalischen Stadt. Weil es noch früh am Morgen ist, ist die Luft noch angenehm kühl. Du spürst, wie die Sonne dir warm ins Gesicht scheint. Neben dir liegt etwas Großes, Warmes, Weiches. Es ist dein Freund, das Kamel. Du streckst die Hand aus, greifst in sein dichtes Fell und flüsterst seinen Namen. ,,Komm“, sagt es leise, ,,lass uns einen kleinen Ausflug machen“. Du stehst auf und fühlst den körnigen, warmen Sand unter deinen nackten Füßen. Hinter dir liegt die Stadt, und vor dir erstreckt sich die Wüste. Sanfte Hügel aus gelbem Sand. ,,Au ja“, sagst du, streichelst dem Kamel die weiche Schnauze und siehst ihm in die blauen Augen mit den langen Wimpern. Schnell wickelst du dir einen Turban um den Kopf. Dein Kamel wackelt vergnügt mit den Ohren. ,,Komm, sitz auf!“ Du kletterst auf seinen Rücken, setzt dich zwischen die Höcker und schlingst beide Arme um den vorderen Höcker. Dein Freund steht vorsichtig auf und läuft gemütlich los. Du sitzt bequem zwischen den Höckern und wirst sanft hin und her geschaukelt. Du hörst, wie der Sand unter den Füßen deines Kamels knirscht und wie das Tier leise atmet. Sonst ist alles ruhig. Über deine Schultern kannst du eure Spur im unberührten Sand sehen. Weit hinten werden die Türme und Kuppeln der Stadt kleiner, immer kleiner, und die goldenen Dächer glänzen in der Sonne. Es wird wärmer. Du blickst wieder nach vorne und siehst in der Ferne einen grünen Punkt. Der kommt näher und näher, und bald siehst du auch Wasser in der Sonne glitzern. Dein Freund läuft schneller, und die Oase kommt immer näher. Dort angekommen kniet das Tier nieder, damit du absteigen kannst. Du schwingst dein Bein über den Höcker und rutschst an der Flanke hinunter. Am rauen Stamm einer Palme schließt du die Augen und genießt den Schatten, den die großen Palmenblätter spenden. Du hörst ein Plätschern, öffnest die Augen und siehst, dass dein Kamel im Wasser steht. Es ruft dich! Du gehst zum Wasserrand, legst dich auf den Bauch und guckst ins Wasser. Es ist ganz klar, und du kannst bis auf den sandigen Grund sehen. Du tauchst den Kopf ins Wasser. Es ist schön kühl. Dein Kopf ist angenehm kühl, du fühlst dich erfrischt und wach.
Atme noch einmal tief durch und öffne langsam die Augen. Oftmals tut es gut, sich noch einmal zu recken, um sich zu beleben und sich wieder auf den Alltag einzustellen. Und natürlich auch noch etwas Zeit, um sich mit dem entstandenen inneren Wüsten-Bildern zu beschäftigen.

4. Dezember

Unverzichtbar auf der Reise durch die Sandmeere: Das Seelengepäck

Geh hinein in die Wüste und suche. Was immer du auch suchen magst, finden wirst du nur dich selbst. Und das ist das größte Glück, das die Wüste zu bieten hat.
(Jürgen Werner)

Damit eine Wüstenreise gelingen kann, muss man bereits bei der Auswahl des Reisegepäcks sehr sorgfältig vorgehen. Die Wüste ist ein Möglichkeitsraum. Man sollte neben den notwendigen und unverzichtbaren Dingen, die man für eine Wanderung durch die Wüste benötigt, noch etwas anderes ins Gepäck legen: das eigene ‘Seelengepäck’. Jürgen Werner formuliert nachvollziehbar, warum gerade diese Gepäckstücke für eine Wanderung durch die Wüste von großer Bedeutung sind:
‘Nimm dir eine Frage mit in die Wüste, die beantwortet, ein Problem, das gelöst, eine Entscheidung, die getroffen werden will. Dein ganz persönliches Seelengepäck.

Trage dieses Gepäck jeden Schritt mit dir herum, ohne es verkrampft festzuhalten. Sei dir nur bewusst, dass da etwas beantwortet werden muss, dass du dich vor der Lösung nicht weiter davonschleichen kannst. Sei dir nur deiner Existenz bewusst, lass es zu. Nimm dir in der ziellosen Weite der Wüste die Lösung einer dich bewegenden Frage zum Ziel und sei optimistisch, dass du diese Lösung finden wirst. Denn die Lösung ist in dir und findet zu dir, wenn du ihn den Weg ebnest, den inneren Weg zu dir, den du in deinem Alltag so erfolgreich verstellst.

Die Lösung ist nicht in der Wüste, aber die Wüste hat die Kraft, die Barrieren abzubauen, die abgebaut werden müssen, damit du wieder zu dir findest und entscheiden kannst, was gut und richtig für dich ist. Entscheidungen, die du auf einem Wüstenweg triffst, können nicht falsch sein, denn sie kommen aus deinem tiefsten Inneren. Du musst nichts anderes tun, als die Empfehlungen der Wüste zu befolgen.’