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Les chamelièrs

Eine Karawane in der Wüste wird nur das Ziel erreichen, wenn während der Reise das Wohl der Gemeinschaft im Vordergrund steht. Diese kollektivistische Orientierung der Nomaden-kultur ist unabdingbar für das Leben in der Sahara. Sich zusammenschließen, einen Kreis ums Feuer bilden, gemeinsam Tee trinken, das Brot teilen, aus einer Schüssel essen – all diese Rituale der Chamelièrs (Kamelhirten) stärken die Gemeinschaft und sichern damit das Überleben in der Wüste.

Lass mich …

Lass mich Liebe bringen, wo Hass ist.

Lass mich Heilung bringen, wo Schmerz ist.

Lass mich Licht bringen, wo die Finsternis regiert.

Lass mich Hoffnung bringen, wo Verzweiflung herrscht.

Lass mich Harmonie bringen, wo Streit ist.

Lass mich Frieden bringen, wo Krieg ist.

Mache die Welt besser, und beginne bei mir.

(Quelle: Dorsick Wayne)

Glücklich, wer liebt

und nicht wünscht

deshalb geliebt zu werden

Glücklich, wer ehrt

und nicht wünscht

deshalb geehrt zu werden

Glücklich, wer dient

und nicht wünscht

deshalb bedient zu werden

Glücklich, wer andere gut behandelt

und nicht wünscht

deshalb gut behandelt zu werden

(Aegidius von Assisi)

Sein – ohne Haben

Was führt wohl Mohamed, den algerischen Nomaden, dazu, sich für ein Leben in der Wüste zu entscheiden? Welcher Optimismus, welches Gottvertrauen oder welche Perspektivlosigkeit steht hinter der Gründung seiner Familie in den Sandmeeren der Sahara? Wie kann eine Familie in der Wüste sein – ohne Haben? Als ich das erste Mal Mohameds Familie traf, war der Sohn Abdallah wenige Tage alt. Ein kleines Bündel – nackt im Sand liegend. In der gleichen Nacht tobte ein Sandsturm durch den Grand Erg Oriental. Stundenlang habe ich unter meiner schützenden Decke an Mohameds Familie, an den kleinen Abdallah gedacht und mir immer wieder die Frage gestellt: Wie kann diese Familie in der Wüste sein – ohne Haben?

Einfach so

Danke sagen – eigentlich leicht.

Danke, wenn der Nachbar uns Zucker leiht.

Danke, wenn die Kollegin uns Arbeit abnimmt.

Danke, wenn die Großeltern die Kinder von der Schule abholen.

Danke sagen ohne konkreten Anlass – verdammt schwer.

Vielleicht, weil es sich komisch anfühlt. Oder peinlich. Vielleicht, weil es so selbstverständlich scheint, dass es diesen Menschen in unserem Leben gibt. Oder es fehlte bisher die Idee.

Welchen Menschen möchtest du in der Adventszeit ein Dankeschön schenken? Einfach so. Mit einem Lächeln und ohne weitere Worte.

(Quelle: Wandeln 2023)

Lebenskünstler

In der Wüste ist das Wesentliche der Mensch, das Tier, das Wasser, das Feuer. Diese Ressourcen ermöglichen das Überleben einer Karawane. Welch eine Kunst – in der Wüste, in dieser lebensfeindlichen Landschaft – zu überleben. Welcher Respekt, welche Hochachtung gebührt den Menschen, die als Einzige dieses Wissen als Schatz in sich tragen.

Ertrag

Hoffnung sammeln

aus lösbaren Problemen

aus Möglichkeiten

aus allem

was etwas verspricht

Die Kräfte

sparen

für das

was wirklich

zu tun ist

So wächst

im Stillen

der Vorrat

an unverbrauchter

Verzweiflung

(Erich Fried)

Seelen baumelnd

‚Petit pouse‘, ruft Ahmed. Und im nächsten Augenblick lässt er sich fallen in den weichen Wüstensand. Gerade noch die Sanddünen mit großen Schritten hinaufgestiegen, seine drei Kamele fest im Griff, ausschauhaltend nach dem Wegverlauf, im Blick das Gepäck und die Reiterin, ja die ganze Karawane. Und im nächsten Moment: Tiefenentspannung im warmen Wüstensand. Die Seele baumeln lassen – miteinander. In Kürze Kraft und Energie tanken, bis es wieder weiter geht und es auf fränkisch (!) über die Dünen tönt: ‚Gemma‘! Die Karawane zieht weiter!

Saumselig

Heute watr ein guter Tag. Ich habe keine Wand gestrichen. Den Kühlschrank habe ich nicht abgetaut. Ich habe kein Problem gelöst, aber auch keines schlimmer gemacht. Ich habe mich nicht angestrengt, mein Geld habe ich nicht vermehrt (ich wüsste auch nicht, wie). Ich bin mit niemandem in Streit geraten, habe nichts besser gewusst. Saumselig bin ich durch den Tag gegangen. Das ist ein Wort, das auf der Zunge zergeht. Versäumen steckt darin. Manchmal muss man was ausfallen lassen, damit das Glück einen antrifft. Meine Seele ist sehr glücklich darüber, abkömmlich zu sein. Sie ist unterwegs in anderen Sphären, ist Zitronenfaltern hinterhergeflogen und hat Himbeeren gepflückt. Abends hatte sie dann so ein Lächeln im Gesicht, als wüsste sie etwas, das ich noch nicht weiß. Eine Ahnung von mir, wie ich bin, wenn ich nicht muss.

(Susanne Niemeyer)

Fünf Minuten

Eine Minute atmen.

Eine Minute lachen.

Eine Minute an einem Duft riechen.

Eine Minute mich dehnen (Kopf an Knie, Herz an Himmel).

Eine Minute an die nächste denken.

Wenn du fünf Minuten geschenkt bekämest – was würdest du tun?

(Quelle: Wandeln 23)

Manna Wüstenbrot

Eine Backstube und ein Brotbäcker – in den Weiten der Sahara. Mohamed zaubert uns Tag für Tag ein köstlich knuspriges Fladenbrot – gebacken in Asche und glühendem Sand. Er reicht mir ein erstes Stückchen frisches Brot, warm und duftend liegt es in meiner Hand. Gibt es etwas Köstlicheres als unter dem weiten Wüstenhimmel zusammen mit Mohamed ein warm dampfendes Stückchen ‚Wüstenbrot‘ in ein Schälchen mit Olivenöl einzutunken und dieses ‚heilige‘ Brot aus der Wüste zu kosten?

Liebe nach Liebe

Die Zeit wird kommen, wenn du mit Schwung dich selbst

an deiner eigenen Tür begrüßen wirst, in deinem eigenen Spiegel,

und jeder wird beim Gruß des anderen lächeln

und sagen, setz dich hier hin. Iss.

Du wirst wieder den Fremden lieben, der du warst.

Gib Wein. Gib Brot. Gib dein Herz sich selbst zurück,

dem Fremden, der dich geliebt hat dein ganzes Leben,

den du wegen eines anderen übersahst, der dich inwendig kennt.

Nimm die Liebesbriefe vom Bücherbord herunter,

die Photographien, die verzweifelten Zeilen,

pelle dein Bild vom Spiegel ab. Setz dich.

Schmause vor deinem Leben. (Derek Walcott)

Kunde des Windes

Marsouk Kalifa Ben Mohamed Ben Salem – Kamelhirte aus Sabria (Tunesien) hütet das Feuer. Unbeeindruckt von der sengenden Mittagshitze sitzt er vor der Feuerstelle und lässt seine Gedanken wandern, hört das Knistern der abklingenden Glut, das Blubbern des backenden Brotes, das Gurgeln der aufgebrachten Kamele um ihn herum. – Und das Flüstern des heißen Sahara-Windes, das ihm um den Körper streicht: ‚Welche Kunde hat dir der Wind zugetragen, Marsouk Kalifa?‘

Adventsmobile

Es ist gar nicht so einfach, ein Mobile so auszutarieren, dass alle Fäden gut ausbalanciert sind und nichts in die Höhe schnellt und die andere Seite zum Absturz bringt. Und doch gelingt uns dieses Kunststück tagtäglich: Wir bringen unser Leben und unsere Beziehungen in eine Balance, so gut es geht, und versuchen, unsere Mitte zu finden.

Stell dir dein Leben als Mobile mit all seinen Fäden vor: Zeit für dich, für deine Familie, für den Partner, die Kinder, die Eltern. Phasen der Ruhe und der Anspannung. Urlaub und Alltag. Freund*innen und Beruf. Ein fragiles Gebilde, dessen Fäden du in der Hand hälst. Stößt du an einer kleinen Ecke an, kommt etwas in Bewegung und alle Teile geraten ins Schwingen. Was möchtest du in dieser Adventszeit anstoßen und auf welche Menschen oder Bereiche deines Lebens könnte das Auswirkungen haben? Was kann als Gegenpol helfen, um in Balance zu bleiben?

(Quelle: Wandeln 2023)

Was kostet die Welt?

Unzählige Reiter, Musiker, Tänzer und andere Künstler aus ganz Nordafrika treffen sich einmal im Jahr zum sog. ‚Festival international du Sahara‘ in Douz (Tunesien). Für drei Tage verwandelt sich das kleine Oasenstädtchen am Rande der Sahara in einen bunten, quirligen Festplatz. Zwei Tuareg präsentieren stolz ihre Reitkünste auf Pferd und Dromedar und postieren sich vor meiner Linse. Ihre arabischen Kommentare gehen im Trubel unter – ihre Körpersprache ruft mir zu: ‚Was kostet die Welt?‘

Ver-rückter Spaziergang

Geh nach rechts.

200 Schritte weiter nimm die nächste Abzweigung nach links.

Sing eine Strophe deines Lieblingsliedes.

Grüß den nächsten Menschen.

Geh zwölfeinhalb Minuten geradeaus (kleine Hindernisse überwinden, große umgehen).

Bleib stehen.

Hier ist der Regierungssitz des Himmels.

Finde ein Zeichen. (Susanne Niemeyer)

Leben in Weite

Die Wüste ist ein Urbild des Menschen. Jeder Reisende, der schon einmal unter dem Sternenhimmel einer Wüste übernachtet hat, kennt ihre Faszination und spirituelle Ausstrahlung. Die Wüste ist schrecklich und schön: Sie ist einerseits ein Ort der absoluten Einsamkeit, der Weite, der Hitze, Dürre und Todesgefahr. Sie ist ein atemberaubend schöner, aber auch ein unwirtlicher Ort. Sie ruft Zweifel und Ängste hervor und zeigt den Menschen ihre Orientierungsbedürftigkeit auf. Andererseits strahlen die Schönheit und Reinheit der Landschaftsformen auch einen Zauber aus, der mit Freiheit und Grenzenlosigkeit verbunden ist und viele Menschen zum Nachdenken anregt. Wüste ist seit alters her ein Ort der Ruhe und unglaublichen Stille, der Sammlung und Besinnung.

Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber? Bist du dir etwa selbst ein Fremder? Bist du nicht jedem fremd, wenn du dir selber fremd bist? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wie kann der gut sein? Denke also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen. (Bernhard von Clairvaux; 1090 – 1153)

Hässlicher Fleck

Wenn man sich Zeit nimmt, einen Atemzug lang, um die Weite

wahrzunehmen um sich herum, die Weite bis zum Horizont,

dann kann es sein, dass man die selbige Weite wiederfindet

in dem kleinen Radieschen auf dem Teller oder in dem Bleistift

in der Hand oder in dem kleinen hässlichen Fleck

auf der Hose. (Silvia Ostertag)

Gesichter der Wüste

Ich möchte euch im Advent gerne mitnehmen auf eine kleine Reise in die Sandwüste des Grand Erg Oriental, wie die Sahara in Südtunesien genannt wird. Hier entstanden die Fotografien, die ich für unsere Adventsreise ausgewählt habe. – Hinter jedem Bild verbirgt sich eine Geschichte, die uns vom Leben der Beduinen in der Sahara erzählt.

Diese gilt es in den Fotos zu entdecken, denn sie sind ein Schlüssel, der uns die Türe zu dieser archaischen Lebenswelt öffnen kann.  Die Fotografien, Texte und Geschichten greifen elementare Lebensfragen auf, die uns in der Adventszeit Denkanstöße bieten können.

Machen wir uns also auf den Weg und schauen in die vielfältigen ‚Gesichter der Wüste‘!

Nun sei es, Menschlein, fliehe ein wenig die Beschäftigungen mit dem Irdischen, verbirg dich ein wenig vor deinen lärmenden Gedanken, wirf nun deine lästigen Sorgen weg, und setze deine mühseligen Zerstreuungen auf die Seite.

Sei ein wenig für Gott da, ruhe dich ein wenig in ihm aus. Gehe in das Gemach deines Geistes hinein, schließ außer Gott und dem, was dir ihn suchen hilft, Alles aus und suche ihn bei verschlossener Türe. (Anselm von Canterbury)