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Der Traum: Wahrheit der Stille

‚Die Wüste ist schön‘, sagte der kleine Prinz, (…), ‚doch was ihre Schönheit ausmacht, ist unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. (…) Nur in der Stille kann die Wahrheit des Traumes Früchte ansetzen und Wurzeln schlagen. Stille des Herzens. Stille der Sinne. Stille der inneren Worte und Bilder. Traum-Stille. Wie wenig Lärm machen die wirklichen Wunder des Lebens? Wie einfach sind die wesentlichen Ereignisse? Das Erhabene bringt das Gefühl für die wirkliche Weite – doch diese ist nicht für das Auge, sie wird nur dem Geist gewährt.‘

(nach A. de Saint-Exupéry)

Auf Empfang

Im Leben verstehe ich Stille als eine Kette aus Kreuzungen, an denen man Entscheidungen trifft und ihnen bis zur nächsten folgt: Links? Rechts? Geradeaus? Umkehren?

Es ist wichtig, diese Kreuzungen zu erkennen. Die meisten Menschen rauschen ständig über sie hinweg und bekommen gar nicht mit, dass sie Glück hatten, dass kein Seitenverkehr kam. Oder sie verpassen gute Abzweigungen. Ich versuche immer wieder innezuhalten, um einem guten Gedanken eine Chance zu geben. So habe ich mein ganzes Leben zugelassen. Ich muss ja jeden Schritt zulassen. Viele denken, sie wissen schon alles, sie können schon alles, sind eigentlich immer auf Sendung und stellen selten auf Empfangen um. Beim Gehen heißt das: zehn Minuten aktiv laufen, dann kurze Stille. Um voranzukommen, muss ich aktiv sein, nur immer wieder für Momente auf Empfangsmodus gehen.

(Andy Holzer)

Rhythm & Blues

Schritt für Schritt

‚Wir lernen beim Gehen nicht in großen Dimensionen zu denken, sondern im einzelnen Schritt. Dem Schritt, der dem folgenden vorausgeht und dem gegangenen nachfolgt. Das ist unser Universum, der einzelne Schritt, wie viele tausend Male wir ihn auch gehen an diesem Tag. Betrachte jeden Schritt wie ein kostbares Juwel, einzigartig und doch wertlos ohne die Gesamtheit der Schritte, die ihn umgeben und dich schließlich an dein Ziel bringen. Denn so wenig ein einzelnes Sandkorn eine Wüste ist, so sehr ist es doch ein unverzichtbarer Teil des Ganzen. So macht der Schritt das Gehen aus. Wie das Sandkorn die Wüste.‘

(unbekannter Autor)

Ein Nest nur

Leben heißt weiterziehen,

dein Haus ein Nest nur, gebaut

aus zerbrechlichen Halmen,

kein Dach, das den Regen fernhält,

keine Lampe gegen das Dunkel in dir.

Ein Nest nur, über dem doch

der Himmel offen steht

und du gelegentlich

einen Stern entdeckst,

der dich in ferne Fremde lockt.

(Tina Willms)

Nur wer bereit zum Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

(Hermann Hesse)

Auch die längste Reise

Beginnt mit dem ersten Schritt.

Fürchte dich nicht

Vor dem langsamen Vorwärtsgehen, fürchte dich nur

Vor dem Stehenbleiben.

Leben – Liebe – Tod

Die Teezeremonie ist ein fester Bestandteil des Alltags in der Wüste. Mehrmals am Tag wird grüner Tee mit Minze zubereitet und in fast fingerhutkleinen Gläschen in die Runde gereicht. Und so wird’s gemacht: Zu Beginn der Teezubereitung werden die trockenen grünen Teeblätter in der Kanne mit heißem Wasser aufgefüllt und mit Zucker versetzt. Nach etwa einer Minute wird ein Glas halbvoll mit Tee gefüllt und beiseitegestellt. In die Kanne kommen ein weiteres Stück Zucker und eventuell frische Minzblätter. Die wesentliche Prozedur ist das folgende Einfüllen des Tees aus großer Höhe in ein Glas und Zurückleeren in die Kanne. Dieser Vorgang wird mehrfach wiederholt, bis sich im Glas eine hohe Schaumschicht gebildet hat. Zwischendurch muss mehrfach probiert und nachgesüßt werden. Erst wenn die Geschmacksprobe zufriedenstellend war, erhält jeder ein Glas. Auf der Flüssigkeit sitzt ein ebenso hoher Schaumberg. Üblicherweise werden drei Gläser angeboten – nach dem weit verbreiteten Motto: ‚Das erste Glas ist bitter wie das Leben, das zweite stark wie die Liebe und das dritte sanft wie der Tod‘.

Tröstliche Verkettung

Man kann sich die Weiten und Möglichkeiten des Lebens gar nicht unerschöpflich genug denken. Kein Schicksal, keine Absage, keine Not ist einfach aussichtslos; irgendwo kann das härteste Gestrüpp es zu Blättern bringen, zu einer Blüte, zu einer Frucht. Und irgendwo wird auch schon ein Insekt sein, das aus dieser Blüte Reichtum trägt, oder ein Hunger, dem diese Frucht willkommen ist. Und sollte sie bitter sein, so wird sie doch zumindest einem Auge erstaunlich gewesen sein und wird ihm Lust gemacht haben und Neugier nach Formen und Farben und Hervorbringungen des Dickichts; und sollte sie abfallen, so fällt sie in die Fülle des Künftigen und trägt noch in ihrem letzten Zerfall dazu bei, es reicher, bunter, drängender und wachsender zu machen.

(Rainer Maria Rilke)

Funke

Jeder Einzelne von uns besitzt einen göttlichen Funken, doch nicht jeder fördert ihn bestmöglich zutage. Der Funken gleicht dem Diamanten; dieser kann seinen Glanz nicht verbreiten, wenn er im Erdreich begraben ist. Aber in jedem von uns ist Licht wie von einem Diamanten, sobald man es in der geeigneten Fassung zum Erstrahlen bringt.

(Chassidische Weisheit)

Bir Rejeb – der Brunnen

Ein Brunnen in der Wüste ist immer ein Ort der Verheißung und der Erfüllung – ein Ort, der Leben verspricht. ‚Wasser ist Leben, Wasser ist die Seele, Wasser spendet Leben und alles hängt vom Wasser ab.‘ Aman Iman bringt mit diesen Worten die Bedeutung des Wassers in der Wüste auf den Punkt. Bir Rejeb – ein Brunnen nahe der algerischen Grenze – ist ein wahrlich magischer Ort. Umgeben von einem weiten Kreis hoher Dünen steht der Brunnen im Zentrum. Seinem Sog und seiner atmosphärischen Dichte vermag ich mich kaum zu entziehen. – Eben noch alleine und in aller Stille am Brunnenrand stehend, auf das köstliche Wasser in 25 Meter Tiefe blickend – verändert sich dieser magische Ort von einem Augenblick auf den anderen. Von allen Seiten strömen sie herbei: Esel, Kamele, Beduinenfrauen, Hirten, Kinder, Hunde, Schafe. Alle auf der Suche nach dem kühlen, lebensspendenden Nass. Und plötzlich stehe ich mitten auf einem Wüsten-Dorfplatz, im sozialen Zentrum dieser Einöde und alles ist voll Leben.

Die fünf Sinne

Das Herz gleicht einem Wasserbecken und die fünf Sinne fünf Bächen, durch die das Wasser sich von außen in das Becken ergießt. Wenn du willst, dass das klare Wasser aus dem Grunde des Beckens emporquellen soll, so musst du jenes Wasser ganz daraus entfernen und all den schwarzen Schlamm, den es mitgeführt hat, heraustun und all die Bäche verstopfen, so dass durch sie kein Wasser mehr hineinkommt, und dann den Grund des Beckens aufgraben, damit das reine klare Wasser aus dem Inneren des Beckens emporquillt.

Solange aber das Becken mit dem Wasser, das von außen kam, angefüllt ist, ist es unmöglich, dass das Wasser aus dem Inneren aufquillt. So kann auch jenes Wissen, das aus dem Innern des Herzens aufsteigen soll, nicht aufquellen, solange das Herz nicht frei ist von allem, was von außen hereingekommen ist.

(Al Ghasali)

Wüstenprinzessin

‚Es war einmal …‘ So könnte auch die Geschichte dieser kleinen Wüstenprinzessin beginnen. – Gerade noch haben die Mädchen auf dem Saharafestival zum Trommelwirbel einen atemberaubend schönen Brauttanz vorgeführt, haben ihre offenen Haare zu den Rhythmen der Musik  ‚tanzen‘ lassen. Und im nächsten Augenblick steht sie vor mir und fordert mich selbstbewusst zu einem Foto-Shooting auf. Alles an ihr strahlt, glitzert, funkelt! Nicht nur die Kette, Krone und ihr ‚Brautkleid‘. – Der ganze kleine Mensch, diese stolze Wüstenprinzessin strahlt mich an und genießt den Augenblick.

Zwischentöne

Was hast du in dieser Woche von anderen gelernt?

Es ist eine Lebensregel, dass wir von allem Menschen lernen können und sollten. Es gibt ernsthafte Dinge des Lebens, die wir von Scharlatanen und Gaunern lernen können, es gibt philosophische Einsichten, die uns Narren verschaffen, es gibt Lektionen in Standhaftigkeit und Gerechtigkeit, die uns der Zufall lehrt und die Früchte des Zufalls sind. Alles findet sich in allem. In bestimmten lichten Augenblicken des Nachdenkens, wie jene am frühen Nachmittag, wenn ich beobachtend durch die Straßen schlendere, bringt mir jeder Passant eine Nachricht, lehrt mich jedes Haus etwas Neues, enthält jedes Plakat eine Mitteilung für mich. Mein stiller Spaziergang ist ein beständiges Gespräch, und wir alle, Menschen, Häuser, Steine, Plakate und Himmel, sind eine große freundschaftliche Menge, die sich mit Worten anrempelt in der großen Prozession des Schicksals.

(Ferdinand Pessoa)

Unzertrennliche Weggefährten

‚Während Gott den Menschen aus Tonerde formte, so erzählt man, fielen zwei Klümpchen zu Boden. Aus dem einen wurde eine Dattelpalme, aus dem anderen ein Kamel.‘

Kann man die Bedeutung dieser beiden Lebewesen für den Menschen in der Wüste noch deutlicher hervorheben als in dieser Legende? Wohl kaum! Ohne das Kamel, das endlose Wüstenstrecken mit einer einzigen ‚Tankfüllung‘ schafft und dem, Dank seiner hervorragend angepassten Organe, kaum ein Sandsturm etwas anhaben kann, gäbe es keine Karawanen, kein Überleben. Für die Beduinen – wie hier Mohamed – ist das Kamel als Reit- und Lasttier unersetzlich, als Weggefährte durch die Dünen der Sahara sind Mensch und Tier unzertrennlich.

Eine Handvoll Liebe

Der Engel der Nächstenliebe sieht aus wie ein Paketbote. Manche öffnen ihm erst gar nicht die Tür. Weil sie nichts bestellt haben. Aber Nächsten liebe kann man gar nicht bestellen. Sie kommt als Geschenk. Wer das Paket öffnet, findet zuoberst einen großen Vorrat Freundlichkeit. Eine bunte Mischung ‚Bitte‘, ‚Danke‘, ‚Gern geschehen‘. Mehr als genug zum Teilen. Daneben liegen ein paar Samthandschuhe. Die eignen sich nicht für alle Tage, aber bei empfindlichen Gemütern sind sie sehr nützlich. Ein Fläschchen Demut ist auch dabei. Sie hat einen angenehmen Duft, der die Penetranz des Größenwahns neutralisiert. Ein paar Tropfen verwandeln Besserwisser in feinfühlige Menschen, denen es nichts ausmacht, hin und wieder zurückzustecken. Die zugeben können, manchmal ratlos zu sein. Darunter liegt eine Portion Mut. Man kann ihn inhalieren, am besten dreimal täglich. Damit die Stimme im entscheidenden Moment nicht versagt: gegen Hetze und Hass. Für Solidarität mit allen, die Hilfe brauchen. Am Boden des Pakets findest du ein besonderes Kästchen. In goldenen Buchstaben steht ‚Für dich‘ drauf. Du öffnest es und findest eine Handvoll Liebe. Die ist nicht zum Weitergeben gedacht. Sie hilft dir jeden Tag, dich selbst zu lieben. Sie macht dich groß. Damit du andere groß machen kannst.

(Susanne Niemeyer)

Eigenwille – Kamelflüsterer

Das Kamel kann auch ohne Mensch in der Wüste bestehen! Anders der Mensch: Ohne seine Tiere hätte er keine Hoffnung auf Überleben. Diese Unabhängigkeit, Autonomie ist vielleicht der Grund für den großen Eigenwillen, die Widerspenstigkeit dieses einhöckrigen Wüstenwanderers. Drohen, Fauchen, Schnappen, Knurren – wer sich als Kamelführer da Angst einjagen lässt, hat schon verloren. Ein Tipp aus der Kamelpädagogik von Abdallah: ‚Ohne Angst Vertrauen aufbauen!‘ Nur so kann man das Urtier für sich gewinnen, nur so wird es zum treuen Begleiter durch alle Dünenberge hindurch bis zur Oase.

Ortswechsel

Ich habe meine Stammplätze: am Esstisch, auf meinem Schreibtischstuhl. Links auf dem Sofa, in meinem Lieblingscafé, auf der Kirchenbank, im Kino in Reihe F möglichst in der Mitte. Hier sitze ich immer und es ärgert mich, wenn mein Stammplatz besetzt ist. Nur aus Höflichkeit trete ich dem unwissenden Besuch mein Platzrecht ab, während ich mich woanders hinsetze. Selbst in der eigenen Küche kann das sehr ungewohnt sein: Statt aus dem Fenster zu schauen, habe ich es plötzlich im Rücken, das Licht ist anders und an der Decke sehe ich mit einem Mal überall Spinnweben! Neue Plätze verrücken den Blick. Vielleicht wird deshalb an Stammtischen so selten über den eigenen Tellerrand geschaut. Ich nehme mir daher vor, mehr Stühletausch zu wagen. Wir könnten zu jeder Mahlzeit im Uhrzeigersinn weiterrutschen. Den Schreibtisch könnte ich in einem anderen Winkel zum Fenster stellen. Im Café setze ich mich mitten rein, in der Kirche auf die Empore und im Kino in die erste Reihe und schaue, ob das mit den Nackenschmerzen stimmt. Mal sehen, welche neuen Plätze und Blickwinkel ich bis Weihnachten entdecke.

(Oliver Spies)

Halbzeitgebet

Für alle halb gelebten Leben

und für alle himmelhohen Träume.

Für alle missglückten Anfänge

Und für das Glück, das noch aussteht.

Für alle Liebe, die auf der Strecke blieb

und trotzdem nicht verloren ist.

Für alle kühnen Versprechen und auch für die

Halbherzigkeit.

Für alles Scheitern, für alles Nocheinmal.

Für alles, was offen ist.

Für die angebrannten Kekse und das halb volle Glas.

Für das Hoffen und das Sehnen.

Für viel zu große Schuhe und klitzekleine Schritte.

Für uns, Held*innen und Hasenfüße.

(Susanne Niemeyer)

Weitblick

Sag Ahmed, was hast du in der Weite des unendlichen Dünenmeeres gesehen? Hälst du Ausschau nach einem Wegzeichen, das der Karawane die Richtung weist? Was siehst du in den unendlichen Weiten der Sahara?

Guten Morgen,

sagt der Engel. Er sitzt schon am Frühstückstisch.

Sein Hemd ist gebügelt und das Obst ist frisch geschnitten.

Ich weiß auch nicht, wie er das immer schafft.

‚Dies ist ein neuer Tag, und er wird schön!‘

‚Woher weißt du das?‘, frage ich verschlafen.

‚Ich nehme es mir vor.‘

Er steckt mir eine Blume in die Pyjamatasche

und schwebt davon.

(Susanne Niemeyer)

Jamal, der Schöne

Nein, hier ist nicht der junge Beduine gemeint! – Jamal, so wird der kleine Kamelhengst genannt, der hier stolz in die Kamera blickt. Über die ‚Schönheit‘ der Kamele – dieser würdevollen, eigensinnigen, archaischen Tiere – ranken sich vielerlei Geschichten, die abends am Wüstenfeuer die Runde machen. Einzig das Kamel kennt den 100. Namen Gottes – so die Legende! Wohl aus diesem Bewusstsein heraus stolziert auch Jamal mit hoch erhobenem Kopf durch die Sandmeere der Sahara. Die wahre Schönheit dieser Tiere kann wohl nur der vollends erleben, der sich auf das Abenteuer Karawane einlässt und es versteht, das Vertrauen dieser Wüstenexperten zu gewinnen. So wie Mohamed, der junge Beduine neben seinem stolzen kleinen Dromedar.

Ver-wandel-o-mat

Zerwunderung, mitbewartet, liebeswandelhaft, Mitwartekraft, verwarten, segensarm, Verlieblichung – es gibt Wörter, die gibt es gar nicht! Gerade deshalb fördern neue Wortschöpfungen ganz ungeahnte Aspekte zutage. Kann man sich zum Beispiel ‚Zer-wundern‘ und wie fühlt sich wohl ein ‚Wandel-füll-segen‘ an?

Setzt die Wortfetzen neu zusammen und lasst euch inspirieren, zu welchen Ergebnissen neue Verbindungen führen können.

(Quelle: Wandeln 2024)

EIN   WANDEL   HAND   LING   WARTE
GOTT  LICHT(T)   S           HEIT    FEIER
FÜLL   VER          OFFEN  SEGEN  HAFT
LIEBE   GEIST    UNG    VOR   KRAFT
AN   ADVENT   ENT   SAM   UN
NIS   WEG   LEER   WUNDER   BE
GLÜCK   LOS    SCHÖPF   MIT   MEHR

Verwandlung

Ich glaube an Vorfreude

auf Honigbrot und Höhenflüge,

weil im Moment davor alles möglich ist.

Ich glaube an Vergebung,

Ich glaube, dass auch im Moment danach

nichts unmöglich ist.

Ich glaube, dass Gott eine Zauberin ist.

Ich glaube an Schmetterlinge.

Ich glaube an alle, die gerade Raupen sind.

(Susanne Niemeyer)

Leben am Limit

Azouz und Edira – erzählt mir von eurem Leben hier in der Wüste! Erzählt, was für euch wichtig ist, was euch zum Lachen bringt und wo der Ernst des Lebens euch begegnet. Wo andere Kinder in Europa über ihren Mathebüchern brüten, geht ihr in die Schule des Über-Lebens. Ihr hütet eure Geschwister, die Schafe und Esel und geht den Eltern schon lange bei ihrer Arbeit zur Hand. Ihr lebt ein Leben ohne ‚Netz und doppelten Boden‘ in der Wüste, in einem Lebensraum, der gleichzeitig schön und grausam sein kann.

Gleichzeitigkeit

Wir können gleichzeitig glücklich und unglücklich sein.

Meistens ist es einfach so.

Und wir dürfen uns beides erlauben.

Mitten in der Trauer erleben wir:

Es gibt Grund zum Freuen. Wir lachen sogar.

Dann ist es fast so, als dürften wir das nicht.

Als würde von uns erwartet, dass wir unglücklich sind.

Als wüssten unsere Umgebung und die Gesellschaft, was wir fühlen sollen.

Und umgekehrt, mitten im Glück erleben wir:

Wir leben in Frieden und Freiheit. Sind satt. Und trotzdem manchmal tief traurig.

Nicht nur zornig über die weltweite Ungerechtigkeit.

Die Hilflosigkeit der Institutionen.

Sondern einfach unglücklich.

Melancholisch, schwermütig, verzweifelt.

Wir leiden nicht, aber wir sind diese Welt so leid.

Auch dann ist es fast so, als dürften wir das nicht.

Als müssten wir fröhlicher sein.

Gleichzeitig glücklich und unglücklich.

Wir dürfen uns beides erlauben.

(Christian Brudereck)